BACHGESELLSCHAFT / ROSENKRANZ-SONATEN – Ein feines Gesamtkunstwerk

Konzert der Salzburger Hofmusik im Rahmen der Salzburger Bachgesellschaft, 30. Mai 2008, Stadtpfarrkirche Mülln

Heinrich Ignaz Franz Biber und die Moderne, geschickt verknüpft. Vor der „Langen Nacht der Kirchen“ am 30. Mai ein angenehm temperierter Abend in der Stadtpfarrkirche Mülln mit der Salzburger Hofmusik. von Gottfried Franz Kasparek

01/06/08 – Welch eine Wohltat, aus der drückenden Hitze dieses schon hochsommerlichen Wonnemonds in die Kühle der Kirche zu gehen. Da das schöne Müllner Gotteshaus auch eine taugliche Akustik hat, wurde das letzte Konzert der Bachgesellschaft in dieser Saison zum wirklichen Hörerlebnis in geeignetem Ambiente. Die süßen kleinen Stuckengerln an der Decke und deren goldene Geschwister am Hochaltar finden ihre Entsprechung in manch farbenfroher Nuancierung der Biber’schen Rosenkranzsonaten, von denen die Nummern 4, 9, 10 und 15 erklangen. Hinter barockem Zierrat stecken freilich wie bei der im Grunde romanisch-gotischen Kirche ein strenger Plan und eine konzise musikalische Ausdeutung der Leiden Christi. Wolfgang Brunner brachte die Zeitlosigkeit dieser Musik und ihr Wirken in die Zeit hinein in klug platzierten verbindenden Worten zum Ausdruck, wenn er etwa das pochende Einschlagen der Nägel ins Kreuz in der entsprechenden Sonate mit den verblüffend ähnlichen Schmiederhythmen der Nibelungen in Wagners „Rheingold“ verglich. Nun, erst kurz vor 1900 hat Guido Adler in Wien Biber neu entdeckt, erst 1942 getraute sich Paul Hindemith (an der Yale University) die Rosenkranzsonaten auch wieder zu spielen – aber manche musikalische Formulierung wirkt eben im Geheimen fort.

Die Geigerin Veronica Kröner schaffte in jeder Skordatur die auch emotional richtige Stimmung, ohne jemals in trockenes Exekutieren abzufallen. Sie spielt Barockvioline mit schönem, oft auch weichem Ton, mit den genau passenden Akzentuierungen und sogar mitreißendem Temperament. Im Verein mit der famos mitatmenden Continuo-Gruppe (Wolfgang Brunner, Peter Sigl und der Lautenist Hans Brüderl) gelang eine Interpretation, welche der spirituellen Kraft dieser Musik ebenso gerecht wurde wie der virtuosen Experimentierfreude des Komponisten. Begonnen hatte das Konzert mit einer Toccata von Bibers Zeitgenossen Georg Muffat, die Wolfgang Brunner atmosphärisch von der Orgel gleichsam zu Ehren des schönen Instruments und deren vor kurzem verstorbenen Mäzenin Johanna von Mierka klingen ließ. Von der Orgelempore kam auch Sofia Gubaidulinas wundersame Kreuz-Meditation „In Croce“. Peter Sigls von innen heraus leuchtender, innig-reiner Celloton schuf eine stimmige Verbindung zu Biber. Das gilt auch für „Nach dem Weinen“, ein im Altarraum gespieltes meditatives Solostück von Giya Kancheli.

Wolfgang Brunner traute sich über György Ligetis wahnwitziges Tastenkunststück „Continuum“ und schaffte es, am Cembalo wahrlich „die Zeit zum Raum“ werden zu lassen. Alle drei Stücke Neuer Musik – ohnehin alles schon „Klassiker“ – waren nicht nur zur barocken Umgebung passend, sondern luden dazu ein, auch das so genannte Alte aufregend neu zu hören. Kurzum: ein geistlich-sinnliches Gesamtkunstwerk von Musik und Architektur, mitsamt frischem Brot und Wein in der Pause. Einhelliger Jubel des Publikums.

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