Der Kastrat, der selbst komponierte – Auf Farinellis Spuren

Rezension zum Konzert der Salzburger Hofmusik mit Jörg Waschinski im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg am 30. September 2009

Man muss – auch nach diesem wunderbaren Konzert – die Musikgeschichte nicht umschreiben. Farinelli, bürgerlich Carlo Broschi (1705–1782), wird auch weiterhin als Sänger in Erinnerung bleiben. Immerhin als einer der Superstars des Barock, der mit seiner Kastratenstimme das Publikum, über die Geschlechtergrenzen hinweg, in Ohnmachtsnähe brachte. Aber eben nicht als Komponist – der sich, zur idealen, nicht ganz uneitlen Darstellung der eigenen Kunst, auch selbst ein paar Arien schrieb.

Dennoch: Diese nun im Aufseßsaal des Germanischen Museums hören zu können, machte «Farinellis Feuerwerk» zur amüsanten Entdeckung – und wann erlebt man schon einmal einen männlichen Sopran? Hut ab vor Jörg Waschinski, der sich mit seinem lyrischen, warm timbrierten Falsett auf Farinellis legendäre Gesangsspuren wagte. Und dessen reich verzierte, melodisch gleichwohl oft eher kurzatmige Bravourstücke glanzvoll in die Gegenwart holte.

Die Themen? Ein Seemann, den der Sturm vom Hafen fernhält. Ein Schiffbrüchiger, der nach seiner Gefährtin sucht. Dramatische Momente in wilder Natur, nach Farinellis Geschmack mit vielen Seufzern garniert. Da kann sich auch Dirigent Wolfgang Brunner in seinen humorigen Ansagen eine gewisse Ironie nicht verkneifen – und steuert mit seiner fulminanten Salzburger Hofmusik als Rahmen auch wirklich Erstklassiges bei.

Eine «Wahnsinns»-Sonate von Vivaldi, dazu, als herrliche Trouvaille, eine Burleske von Telemann über Don Quichote. Frühe Programmmusik, die das Erwachen des verträumten Ritters oder den Alters-Galopp seines Gauls Rosinante samt Notbremsung elegant und mit leisem Witz bebildert. Ein bezaubernder Auftakt für die neue Saison der Musica Antiqua!

(Wolf Ebersberger, Nürnberger Zeitung, 2. Oktober 2009)

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