Eine glückliche Fügung – Salzburger Hofmusik spielt Vivaldi und Bach in Engelhartszell

Sehr geehrter Don Antonio Vivaldi, verzeihen Sie gnädigst diese Einschätzung: Ihre Musik ist so voller Leben und Wohlklang, sie geht so zu Herzen, dass wohl erlaubt ist zu sagen: Für Hörer, die das 20. Jahrhundert musikalisch überstanden oder genossen haben, scheinen Ihre Kompositionen von eher geringerer Komplexität – und beziehen ihren Reiz insbesondere auch aus dem virtuosen Vortrag der Musiker. Eine glückliche Fügung daher, dass die Festspiele Europäische Wochen für ihr Konzert in Engelhartszell die Salzburger Hofmusik engagiert haben.

Akzeptiert man, dass ein achtköpfiges Kammerensemble die stattliche Stiftskirche nur bedingt in Schwingung versetzen kann, lässt sich ein gelungenes Barockkonzert genießen. Julie Comparini überrascht als Altistin mit hervorragend gesungenen Sopran-Arien: „Verstummt! Verstummt, ihr holden Saiten!“ aus der Bach-Kantate „Lass Fürstin…“ und „Ex exultavit“ aus dem „Magnificat“. Stockfinster wie der Blick, fast kehlig klingt die Stimme aber in Vivaldis „Stabat Mater“, wo sie mit einigem Druck den Abwärtsläufen des „Quis est homo“ folgt, um das fehlende Volumen in der Tiefe zu kompensieren.

Am stärksten spielt die Salzburger Hofmusik, wenn sie auf sich allein gestellt ist. Das liegt am künstlerischen Leiter Wolfgang Brunner, der nicht nur in Bachs 5. Brandenburgischen Konzert ein Cembalo-Solo in Uhrwerkpräzision spielt. Das liegt aber auch an der feinen Spielkultur auf den historischen Instrumenten, an den akkuraten Steichern, an Flötistin Christine Brandauer und an den wundervollen Geigerinnen Veronica Kröner und Sabine Lier, die sich in den umrahmenden Violin-Doppelkonzerten von Vivaldi und Bach in d-Moll traumwandlerisch ergänzen. Ist bei Vivaldi eine noch das zarte Echo der anderen, so necken und jagen sie sich in Bachs komplexen Fugen virtuos und klangrein. In den Vorhalten des Largo heben sie sich hinan in himmlische Sphären – es ist, Don Vivaldi, Sie verzeihen, der größte Moment des Konzerts.

Raimund Meisenberger, Passauer Neue Presse, 21.06.2010

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