Philemon & Baucis oder Jupiters Reise auf die Erde

Joseph Haydn

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Deutsche Marionettenoper (Fragment 1773).

Eine lustvolle Aufgabe, eine Herausforderung für Sänger, während des Gesanges gleichzeitig Marionetten zu führen, eine seltene, fast exotische und doch vertraute Theaterform – und vor allem: prachtvolle Musik!

Salzburger Hofmusik
Leitung: Wolfgang Brunner

Vorspiel – Der Götterrat
Jupiter lädt die Götter und Göttinnen zum Rat ein. Die Götter klagen über die Unredlichkeit der Menschen.

Philemon und Baucis
Im Lande Phrygien geht ein Unwetter nieder. Die Bauern, darunter Philemon und Baucis, irren in heller Aufregung umher. Das Gewitter wird noch heftiger; Philemon und Baucis fallen auf ihre Knie. Sogleich lässt das Unwetter nach; der Himmel heitert sich auf; und die schönste Abendröte zeiget sich.

Jupiter ist der Meinung, dass die Strafe wohl zu schwer ausgefallen ist. Gemeinsam mit Merkur fährt er auf die Erde hernieder um sich ein genaueres Bild von der Lage der Menschen zu machen. In der armseligen Hütte des Philemon finden sie herzliche Aufnahme.

Philemon und Baucis sind bereit den beiden Fremden ihr letztes Brot zu geben. Ein schwerer Kummer den sie schließlich preisgeben, belastet ihr Herz: Ihr Sohn Aret und seine Verlobte Narcissa seien bei dem schweren Unwetter ums Leben gekommen.

Jupiter ist vom Leid der Familie berührt. Er verwandelt die beiden Aschenkrüge vor der Hütte – es sind die Urnen des Aret und seiner Narcissa – in Rosenlauben, in deren Mitte die wiedererstandenen Liebenden sitzen.

Philemon und Baucis sind von ihrem Glück tief ergriffen und von Demut erfüllt. Jupiter verwandelt die Hütte entsprechend ihrem Wunsch in einen Tempel, wo sie fortan als Priester und Priesterin den Göttern dienen wollen. Aret und Narcissa finden ihr Glück in der Ehe.

Philemon ist überzeugt, dass in Zukunft gerechte, weise friedliebende und tapfere Fürsten die Geschicke der Menschen lenken werden.

Jupiters Tempel verwandelt sich in den fürstlichen Garten zu Eszterháza und die glückseligen Menschen in die Bevölkerung Ungarns, die dem kaiserlichen Wappen die Treue schwört.

Haydns Arbeitsbedingungen
Joseph Haydns Dienstgeber, die Familie Esterházy, ermöglichte auf ihrem Schloß das bedeutendste adelige Theaterleben Ungarns im 18. Jahrhundert. Zwei Theatergebäude, ein großes Opernhaus und ein kleineres Marionettentheater boten ideale Bedingungen für ein buntes und wechselndes Programm eigener Produktionen und Auftrittsstätten für durchreisende Schauspiel- und Operntruppen oder gastierende Puppenspieler.

Zu Haydns Aufgabenbereich gehörte unter anderem die verantwortliche Durchführung des Opernbetriebs, eine vermutlich insgesamt recht zeitraubende Tätigkeit. Allein zwischen 1776 und 1790 studierte er als verantwortlicher Opernkapellmeister der esterházischen Operntruppe 88 Opern zur Premiere ein (darunter einige wenige selbst komponierte). Das erhaltene Aufführungsmaterial schenkt interessante Aufschlüsse, wie er mit den Kompositionen seiner Kollegen umging: Bei der ersten Durchsicht nahm er meist drastische Kürzungen vor: sowohl an Musiknummern im Gesamten als auch innerhalb von Arien oder Ensembles. Außerdem existiert kaum eine Oper, in der er nicht ursprüngliche Tempobezeichnungen bedeutend beschleunigt hat.

Beim Komponieren eigener Opern musste Haydn lange Zeit mit einer äußerst personellen Möglichkeiten auskommen, bzw. beim Einrichten anderer Opern diese entsprechend adaptieren.

Bis zum Jahre 1776 („Philemon und Baucis“ entstand vor 1773) standen Haydn in seiner fürstlichen Operntruppe kaum bühnentüchtige Gesangssolisten zur Verfügung: Neben zwei Sängerehepaaren (genau der Besetzung von „Philemon und Baucis“) gab es keine professionellen Vokalkräfte, die Besetzung wurde im Bedarfsfall aus dem Kirchenchor ersetzt. Einen Chor hatte Haydn auch nach 1776, als die Besetzung der Operntruppe von Jahr zu Jahr wuchs, nie zur Verfügung – gerade nicht als Solisten agierende Sänger oder wohl auch momentan nicht beschäftigte Instrumentalisten mußten für chorische Wirkungen aushelfen. Dementsprechend war die Orchesterbesetzung ebenfalls klein: So belegt der Personalstand z. B. im März 1776 vier Violinisten (dem entsprechen in unserer Aufführung eine doppelt besetzte 1. Violine mit je einer 2. Violine und einer Bratsche), einem Cello und einem Violone. Diese Besetzung galt gleichermaßen für die große Oper wie fürs Marionettentheater.

Der Anlass
„Philemon und Baucis“ wurde anlässlich eines Besuchs der Kaiserin Maria Theresia bei Fürst Nikolaus von Esterhazy komponiert und aufgeführt. Vermutlich wurde damit sogar das Marionettentheater damit eröffnet (Ein zeitgenössischer Bericht nennt nämlich eine „ganz neue Bühne“). Das eigentliche Singspiel ist in ein Vorspiel und ein Nachspiel gebettet; Das Nachspiel weist besonders deutlich auf den hohen kaiserlichen Besuch hin: Nach einer Verwandlung zeigt sich anstelle Jupiters Bildsäule das kaiserliche Wappen, eine Menge allegorischer Figuren (der Ruhm, die Milde, die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, Die Zeit, die Vaterlandsliebe usw.) stimmen eine vielfältige Huldigung und Segensprüche auf das Herrscherhaus an.

Doch auch im Laufe des Singspiels tauchen immer wieder Andeutungen für die Kaiserin auf: Wenn z.B. Baucis in ihrer Arie (Track 9) singt: „Ihr Erhöhten dieser Erden! Ihr könnt Göttern ähnlich werden. Nehmt euch nur des Niedern an!“, so ergibt dies aus der momentanen Personenkonstellation auf der Bühne nicht wirklich viel Sinn, sondern ist offensichtlich auf die Kaiserin gemünzt.

Inhalt
Die Musik von Joseph Haydns dreiteiliger deutscher Marionettenoper „Philemon und Baucis“ ist allerdings nur unvollständig überliefert. Fast vollständig erhalten blieb der Mittelteil, der das eigentliche Spiel enthält.

Vorausgegangen war ein Vorspiel „Der Götterrat“. Es wurde eingeleitet durch eine „Sinfonia“, deren beide Sätze (Tracks 1 und 2) Haydn später in seine Sinfonie C-Dur Nr. 50 übernahm. Laut erhaltenem Libretto kommen anschließend „Unter einer auf jede Gottheit anspielenden Musik … in ihrer Pracht Diana, Apoll, Venus, Bacchus, Neptun, Merkur, Mars, Ceres, endlich unter vorhergehendem Donner Jupiter zum Vorschein“ Mit Ausnahme der Auftrittsmusik der Göttin Diana (Track 3), die auf einem separaten Blatt im Zusammenhang mit dem inzwischen verschollenen Autograph der Sinfonie Nr. 50 gefunden wurde, sind alle anderen Auftrittsmusiken verloren. Das sprachlich und dramaturgisch witzig-spritzige Vorspiel zeigt nun einen Rat recht menschlicher Götter, die sich über ihrem eigentlichen Anliegen, dass nämlich die Menschheit korrupt sei und bestraft werden müsse, ständig heftig gegenseitig in die Haare geraten. Dass ausgerechnet die Musik zu dieser „Comedy“ verloren ist, ist umso mehr zu bedauern, wenn man sich Haydns Sinn für Humor vergegenwärtigt. Jupiter kommt in diesem turbulenten Götterrat jedenfalls zum Schluss die Menschheit mit einem fürchterlichen Unwetter zu strafen und dann zusammen mit Merkur auf der Erde – in Phrygien – einen Lokalaugenschein zu nehmen.

Im eigentlichen Marionettenspiel, das durch eine zweiteilige Ouverture (Tracks 4 und 5) eingeleitet wird, wandern Jupiter und Merkur durch die (phrygische) Welt wie Wesen von einem anderen Stern. Jupiter selbst ist überrascht von dem Ausmaß der Verwüstung, die sein Bannstrahl auf Erden angerichtet hat; Die Bauern Phrygiens, darunter Philemon und Baucis, irren während des Unwetters in heller Aufregung umher (Track 6 Coro „In Wolken, hoch empor getragen“). Aufgrund der Gebete Philemon und Baucis’ beruhigt sich das Unwetter, und die beiden reisenden Götter finden als Wanderer verkleidet gastliche Aufnahme in der ärmlichen Bauernhütte (Track 9 Aria der Baucis „Heut fühl ich der Armut Schwere“) . Schon bald erfahren sie vom schweren Leid, das über dem Ehepaar lastet: Ihr Sohn Aret und seine Verlobte Narcissa seien vom Blitzstrahl Jupiters getroffen ums Leben gekommen (Tracks 7 und 8 Arien des Philemon).

Jupiter ist vom Leid der Familie berührt. Er verwandelt die beiden Aschenkrüge vor der Hütte – es sind die Urnen des Aret und seiner Narcissa – in Rosenlauben, in deren Mitte die wiedererstandenen Liebenden sitzen: Aret erwacht wie aus eine Traum (Track 10 Aria des Aret „Wenn am weiten Firmamente“), Narcissas Arie (Track 11 „Dir der Unschuld Seligkeit“) wurde erst bei einer späteren Aufführung aus Haydns Oper „Il Mondo della luna“ übernommen und textlich angepasst. Die musikalische Faktur dieser Arie zeigt deutlich die Herkunft aus einem stilistisch anderen Kontext. Den beiden Liebenden ist ihr vergangener Todesschlaf nicht bewusst, sie besingen ihre Liebe (Track 12 Duett „Entflohn ist nun der Schlummer“) Als ihre Eltern sie entdecken, sind diese erst einmal geschockt, glauben an einen Scherz der Götter, doch werden dann von ihrem Glück tief ergriffen. Jupiter verwandelt die Hütte entsprechend ihrem Wunsch in einen Tempel, wo sie fortan als Priester und Priesterin den Göttern dienen wollen. Aret und Narcissa finden ihr Glück in der Ehe.
Ein abschließender Huldigungschor des Gesamtensembles auf Jupiter (Track 13 “Triumph“) leitete zum Nachspiel über, dessen Musiken wieder verloren sind. Darin wurde dramaturgisch die Brücke von Jupiter zu Maria Teresia geschlagen: An die Stelle Jupiters trat laut Libretto „in einer ungemein prächtigen Glorie das Wappen des Durchlauchtigsten Erzhauses. Der Ruhm die Milde, die Gerechtigkeit und die Tapferkeit umgeben und halten dasselbe“ Weitere Allegorien priesen die Monarchin.

Wolfgang Brunner

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